von fw » Di 3. Jan 2017, 22:45
Zunächst einmal vielen Dank für die vielen Rückmeldungen. Ich habe mir zu allen Einwänden Gedanken gemacht, auch wenn ich nicht alle teile. Vor allem zwei Kritiken haben mich ins Grübeln gebracht: Dass ein Kandidat scheitern kann, obwohl er eine absolute Mehrheit der Erstpräferenzen auf sich vereint, ist tatsächlich ungerecht. Noch problematischer ist aber noch ein anderer Einwand: nämlich was passiert, wenn ein Mitte-Links-Kandidat, ein Mitte-Rechts-Kandidat und ein Extremist in die Endrunde kommen? Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass bei einer Zwei-Runden-Wahl sich die Endrundenkandidaten vor allem um die Wähler der "kleinen" und ausgescheidenen Kandidaten bemühen und dadurch ggf. deren Themen pushen: Das liegt in der Natur einer Stichwahl. Das Problem ist, dass mein Wahlsystem einen Anreiz schafft, dass ein nicht-extremistischer Anhänger eines der beiden Mitte-Kandidaten einen strategischen Anreiz hat, nicht den anderen Mitte-Kandidaten, sondern den Exremisten mitzuwählen, um die Chancen des eigenen Favoriten zu verbessern. (Beispielsweise können konservative Wähler einem konservativen Kandidaten zum Sieg verhelfen, wenn sie neben diesem den Rechtsextremisten mitwählen, wohingegen der Sozialdemokrat gewinnt, wenn die konservativen Wähler diesen wählen.) Wenn aber die Anhänger beider Mitte-Kandidaten jeweils den Extremisten mitwählen, könnte es sein, dass am Ende genau dieser gewinnt, obwohl ihn die deutliche Mehrheit eigentlich abgelehnt hat. Damit scheitert mein Wahlsystem deutlich an zwei Ansprüchen, die ich an es gestellt habe (1. Beförderung von "ehrlichem Wählen" und Verhinderung von "taktischem Wählen"; 2. Beförderung von integrativen Kandidaten, Chancenlosigkeit von Spaltern), und deswegen ziehe ich es in dieser Form zurück. Ich habe einige Stunden nachgedacht, wie man mein Wahlsystem verändern müsste, damit es den von mir gestellten Ansprüchen doch gerecht wird. Mit Excel habe ich diverse Szenarien mit jeweils 150.000 Durchgängen durchgespielt, wieder nachgedacht, wieder gerechnet, und zu diesem Ergebis bin ich gekommen: In der ersten Wahlrunde gewinnt ein Kandidat, der mehr als 50% der Stimmen auf sich vereint. Erzielt kein Kandidat eine absolute Mehrheit, so folgt eine Stichwahl zwischen den drei stärksten Kandidaten. In der Stichwahl müssen die Wähler nun die drei Kandidaten in eine Reihenfolge bringen, also eine "Erststimme" an ihren Favoriten vergeben, eine "Zweitstimme" an ihren Zweitkandidaten und eine Drittstimme an den Kandidaten, den sie am wenigsten mögen. (Ich bin mir unsicher, ob ich auch einfache Stimmen nur für einen Kandidaten zulassen soll. Falls sie zulässig sind, so wird die Zweitstimme dann jeweils hälftig auf die beiden anderen Kandidaten verteilt.) Bei drei Kandidaten (ich verwende der plastischeren Darstellung halber wieder die drei Namen von oben) hat der Wähler nun sechs Möglichkeiten: a) Martina-Stefanie-Tabea b) Martina-Tabea-Stefanie c) Stefanie-Martina-Tabea d) Stefanie-Tabea-Martina e) Tabea-Martina-Stefanie f) Tabea-Stefanie-Martina Nun gewinnt der Kandidat, der sowohl mit seinen Erststimmen und den Zweitstimmen nur eines Gegenkandidaten als auch mit seinen Erststimmen und den Zweitstimmen nur des anderen Gegenkandidaten jeweils über 50% erreicht. Wem das zu abstrakt ist, kann sich das auch so vorstellen, dass drei hypothetische Stichwahlen zwischen jeweils zwei Kandidaten durchgeführt werden, und der Kandidat, der beide Stichwahlen gegen beide Gegenkandidaten gewinnt, die Wahl insgesamt gewinnt. Anders als bei meinem ursprünglichen Modell ist es bei diesem Modell nicht möglich, dass man als Wähler durch die Wahl des Zweitkandidaten seinem Erstkandidaten schadet. Daher gibt es keinen Grund mehr, die Zweitstimme taktisch zu vergeben, sondern kann sie ehrlich vergeben. Und ein Kandidat, der mehr die Hälfte der Erststimmen auf sich vereinigt, ist sowieso durch. Mathematisch sieht das so aus: Wenn (a+b+c)>50% UND (a+b+e)>50% --> Martina hat gewonnen Wenn (a+c+d)>50% UND (c+d+f)>50% --> Stefanie hat gewonnen Wenn (b+e+f)>50% UND (d+e+f)>50% --> Tabea hat gewonnen. In den meisten Fällen gibt es so einen Gewinner. Allerdings gibt es eine Restwahrscheinlichkeit, dass keiner der drei Kandidaten sein Kriterium erreicht. Und zwar ist das genau dann der Fall, wenn ein Stichwahlen-Paradox vorliegt, und jeder der Kandidaten jeweils eine Stichwahl gegen einen Konkurrenten gewinnen und gegen einen anderen verlieren würde. In diesem Fall gewinnt der Kandidat, der die meisten Erststimmen gewonnen hat. Das ist gerecht, weil es dann offensichtlich keinen allgemein akzeptierten Kandidat gibt, schließlich verliert jeder der Kandidaten eine hypothetische Stichwahl gegen einen anderen. (Alternativ könnte man in diesem Fall auch wieder mein ursprüngliches Modell verwenden, und den Gewinner der größten Summe aus Erst- und Zweitstimmen zum Sieger machen, aber das führt dann wieder zum Problem des taktischen Wählens, weswegen ich in diesem Fall eine Entscheidung per einfacher relativer Mehrheitswahl bevorzuge.) Jetzt Ihr!
Zunächst einmal vielen Dank für die vielen Rückmeldungen. Ich habe mir zu allen Einwänden Gedanken gemacht, auch wenn ich nicht alle teile. Vor allem zwei Kritiken haben mich ins Grübeln gebracht: Dass ein Kandidat scheitern kann, obwohl er eine absolute Mehrheit der Erstpräferenzen auf sich vereint, ist tatsächlich ungerecht. Noch problematischer ist aber noch ein anderer Einwand: nämlich was passiert, wenn ein Mitte-Links-Kandidat, ein Mitte-Rechts-Kandidat und ein Extremist in die Endrunde kommen? Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass bei einer Zwei-Runden-Wahl sich die Endrundenkandidaten vor allem um die Wähler der "kleinen" und ausgescheidenen Kandidaten bemühen und dadurch ggf. deren Themen pushen: Das liegt in der Natur einer Stichwahl. Das Problem ist, dass mein Wahlsystem einen Anreiz schafft, dass ein nicht-extremistischer Anhänger eines der beiden Mitte-Kandidaten einen strategischen Anreiz hat, nicht den anderen Mitte-Kandidaten, sondern den Exremisten mitzuwählen, um die Chancen des eigenen Favoriten zu verbessern. (Beispielsweise können konservative Wähler einem konservativen Kandidaten zum Sieg verhelfen, wenn sie neben diesem den Rechtsextremisten mitwählen, wohingegen der Sozialdemokrat gewinnt, wenn die konservativen Wähler diesen wählen.) Wenn aber die Anhänger beider Mitte-Kandidaten jeweils den Extremisten mitwählen, könnte es sein, dass am Ende genau dieser gewinnt, obwohl ihn die deutliche Mehrheit eigentlich abgelehnt hat. Damit scheitert mein Wahlsystem deutlich an zwei Ansprüchen, die ich an es gestellt habe (1. Beförderung von "ehrlichem Wählen" und Verhinderung von "taktischem Wählen"; 2. Beförderung von integrativen Kandidaten, Chancenlosigkeit von Spaltern), und deswegen ziehe ich es in dieser Form zurück. Ich habe einige Stunden nachgedacht, wie man mein Wahlsystem verändern müsste, damit es den von mir gestellten Ansprüchen doch gerecht wird. Mit Excel habe ich diverse Szenarien mit jeweils 150.000 Durchgängen durchgespielt, wieder nachgedacht, wieder gerechnet, und zu diesem Ergebis bin ich gekommen: In der ersten Wahlrunde gewinnt ein Kandidat, der mehr als 50% der Stimmen auf sich vereint. Erzielt kein Kandidat eine absolute Mehrheit, so folgt eine Stichwahl zwischen den drei stärksten Kandidaten. In der Stichwahl müssen die Wähler nun die drei Kandidaten in eine Reihenfolge bringen, also eine "Erststimme" an ihren Favoriten vergeben, eine "Zweitstimme" an ihren Zweitkandidaten und eine Drittstimme an den Kandidaten, den sie am wenigsten mögen. (Ich bin mir unsicher, ob ich auch einfache Stimmen nur für einen Kandidaten zulassen soll. Falls sie zulässig sind, so wird die Zweitstimme dann jeweils hälftig auf die beiden anderen Kandidaten verteilt.) Bei drei Kandidaten (ich verwende der plastischeren Darstellung halber wieder die drei Namen von oben) hat der Wähler nun sechs Möglichkeiten: a) Martina-Stefanie-Tabea b) Martina-Tabea-Stefanie c) Stefanie-Martina-Tabea d) Stefanie-Tabea-Martina e) Tabea-Martina-Stefanie f) Tabea-Stefanie-Martina Nun gewinnt der Kandidat, der sowohl mit seinen Erststimmen und den Zweitstimmen nur eines Gegenkandidaten als auch mit seinen Erststimmen und den Zweitstimmen nur des anderen Gegenkandidaten jeweils über 50% erreicht. Wem das zu abstrakt ist, kann sich das auch so vorstellen, dass drei hypothetische Stichwahlen zwischen jeweils zwei Kandidaten durchgeführt werden, und der Kandidat, der beide Stichwahlen gegen beide Gegenkandidaten gewinnt, die Wahl insgesamt gewinnt. Anders als bei meinem ursprünglichen Modell ist es bei diesem Modell nicht möglich, dass man als Wähler durch die Wahl des Zweitkandidaten seinem Erstkandidaten schadet. Daher gibt es keinen Grund mehr, die Zweitstimme taktisch zu vergeben, sondern kann sie ehrlich vergeben. Und ein Kandidat, der mehr die Hälfte der Erststimmen auf sich vereinigt, ist sowieso durch. Mathematisch sieht das so aus: Wenn (a+b+c)>50% UND (a+b+e)>50% --> Martina hat gewonnen Wenn (a+c+d)>50% UND (c+d+f)>50% --> Stefanie hat gewonnen Wenn (b+e+f)>50% UND (d+e+f)>50% --> Tabea hat gewonnen. In den meisten Fällen gibt es so einen Gewinner. Allerdings gibt es eine Restwahrscheinlichkeit, dass keiner der drei Kandidaten sein Kriterium erreicht. Und zwar ist das genau dann der Fall, wenn ein Stichwahlen-Paradox vorliegt, und jeder der Kandidaten jeweils eine Stichwahl gegen einen Konkurrenten gewinnen und gegen einen anderen verlieren würde. In diesem Fall gewinnt der Kandidat, der die meisten Erststimmen gewonnen hat. Das ist gerecht, weil es dann offensichtlich keinen allgemein akzeptierten Kandidat gibt, schließlich verliert jeder der Kandidaten eine hypothetische Stichwahl gegen einen anderen. (Alternativ könnte man in diesem Fall auch wieder mein ursprüngliches Modell verwenden, und den Gewinner der größten Summe aus Erst- und Zweitstimmen zum Sieger machen, aber das führt dann wieder zum Problem des taktischen Wählens, weswegen ich in diesem Fall eine Entscheidung per einfacher relativer Mehrheitswahl bevorzuge.) Jetzt Ihr!